Hannah Arendt (1906 - 1975)

Seit 1989 trägt eine der beruflichen Schulen in Flensburg den Namen der Politikwissenschaftlerin, Soziologin und Philosophin Hannah Arendt.

Die Schulkonferenz wollte mit dieser Entscheidung das Lebenswerk einer Frau in der Erinnerung der Öffentlichkeit bewahren, die ihr Leben lang für personal begründete geistige Selbständigkeit und soziale und politische Verantwortung des einzelnen in der Gesellschaft gekämpft hat. Hannah Arendt setzte ihre Hoffnung dabei auf eine junge Generation, die Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung ablehnt. Mit ihren Forderungen an sich selbst und ihre Umwelt kann Hannah Arendt Vorbild in unserer Zeit sein, besonders für junge Menschen, die sich für einen sozial begründeten Berufsweg entschieden haben.

Die Schulkonferenz vom 15.05.1995 bekannte sich zu dem von Hannah Arendt formulierten Erziehungsziel des unabhängigen und selbstverantwortlichen Denkens und Handelns und gab damit in Verbindung mit dem nachstehenden Zitat eine Grundaussage unseres Schulprogramms:


Was den Menschen zu
einem politischen Wesen macht,
ist seine Fähigkeit zu handeln;
sie befähigt ihn,
sich mit seinesgleichen zusammenzutun,
gemeinsame Sache
mit Ihnen zu machen,
sich Ziele zu setzen
und Unternehmungen zuzuwenden,
die ihm nie
in den Sinn hätten kommen können,
wäre ihm nicht diese Gabe zuteil geworden:
etwas Neues zu beginnen. (Hannah Arendt)

Auch die äußere Biographie enthält Vorbildhaftes:

Als einzige Tochter jüdischer Eltern studierte Hannah Arendt bei Heidegger, Bultmann, Husserl und Jaspers, lernte Walter Benjamin und Hans Jonas kennen, war mit Günther Anders (und in zweiter Ehe mit dem Philosophieprofessor Heinrich Blücher) verheiratet, gründete nach dem 2. Weltkrieg mit Dolf Sternberger, Werner Krauss, Alfred Weber und Karl Jaspers das Magazin "Die Wandlung", dessen Motto es war: "Die Philosophie muß konkret und praktisch werden, ...".

1933 wurde Hannah Arendt nach einer Hausdurchsuchung von der Gestapo festgenommen; aus der Haft entlassen, floh sie nach Paris, wo sie einer Organisation vorstand, die jüdische Waisenkinder nach Palästina brachte. In verschiedenen Zeitschriften setzte sie sich für die Schaffung einer jüdischen Armee gegen Hitler und für die Neuformulierung der Ziele des Zionismus ein.

1940 gelangte Hannah Arendt gerade noch rechtzeitig nach New York. Dort leitete sie u. a. von 1944 - 1946 die Forschungsarbeiten der "Konferenz für jüdische Beziehungen", war von 1949 - 1952 Geschäftsführerin der "Jewish Cultural Reconstruction Inc.", die unter dem Nationalsozialismus verlorengegangenes jüdisches Schrifttum sucht und sammelt.

Im In- und Ausland wurde ihr Name durch ihr Standardwerk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951; deutsch 1955) bekannt.

Anfang 1959 erschien Die Krise in der Erziehung, wo sie die Erziehungsfrage als politisches Problem darstellte, das nicht einer Spezialwissenschaft wie der Pädagogik allein überlassen bleiben sollte. Hier wird ein zweiter Grund für die Wahl zur Namensgeberin unserer Schule deutlich:

Erscheinungsformen des gesellschaftlichen Lebens wurden von Hannah Arendt immer wieder radikal und grundsätzlich untersucht (und kritisiert). Ausgangspunkt war dabei für sie der Anspruch, den die bürgerliche Demokratie für sich selbst erhebt. (Dieses Streiten für eine staatsbürgerlich definierte, verantwortungsvolle Freiheit ist vielleicht eine Erklärung dafür, daß nach dem Zusammenbruch des "real existierenden Sozialismus" die Gesellschaftskritik Hannah Arendts in Deutschland derzeit eine Renaissance erlebt.)

Hannah Arendts Eigenständigkeit und Nonkonformität zeigt sich besonders deutlich in ihrer Arbeit als journalistische Prozeßbeobachterin des Eichmann-Prozesses. Ihre Berichte erschienen nach Abschluß des Prozesses in Buchform unter dem Titel Eichmann in Jerusalem (1963; deutsch 1964).

Das Werk rief heftige Kontroversen hervor, weil die Autorin an Eichmann nichts Teuflisch-Dämonisches, sondern sehr viel Normal-Banales fand. Diese oft mißverstandenen und überinterpretierten Ansichten riefen Gegner hervor, die versuchten, "ihr Leben zu ruinieren".

Seit dem Frühjahr 1959 lehrte Hannah Arendt (bis zu ihrem Tode) an verschiedenen US-amerikanischen Universitäten als Ordinarius.

1959 wurde ihr der Hamburger Lessing-Preis, 1962 der Sigmund-Freud-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen.

Im Juni 1975 war sie noch einmal in der Bundesrepublik. Sie kam zu einer Podiumsdiskussion, die der Frage galt, ob es in der Politik unter Umständen erlaubt, vielleicht sogar legitim sein, zu lügen - eine ihrer Fragen.

Am 4. Dezember 1975 starb Hannah Arendt - wahrscheinlich an einem Herzinfarkt. Der mit The Life of the Mind begonnenen Entwurf einer Ethik, einer Synthese von Denken und Handeln, blieb unvollendet.

Die politische Aktualität Hannah Arendts zeigt sich auch darin, daß Mitte Juni 1993 das "Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V." an der TU Dresden gegründet wurde.

Das HAIT hat die Aufgabe, fächerübergreifend die politischen Strukturen von NS-Diktatur und SED-Regime zu untersuchen. Dabei soll sich das Institut den methodischen Ansätzen und den Erkenntnissen der Politikwissenschaftlerin, Soziologin und Philosophin Hannah-Arendt "besonders verpflichtet" fühlen.